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Dienstag, 27. September 2011

Interview: Social Media hat in Deutschland einen neuen Status erreicht

Wo steht Social Media? Haben mittelständische Unternehmen das Thema bereits entdeckt? Wird der Datenschutz zukünftig eine größere Rolle spielen? Diese und weitere Fragen stellte medienmilch.de dem bekannten Journalisten, Blogger („Indiskretion Ehrensache“) und Web 2.0 Profi Thomas Knüwer:

Journalist, Blogger und Social Media Profi Thomas Knüwer

Herr Knüwer, Sie waren gerade auf dem 2. Social Media Kongress als Moderator in Frankfurt/Main. Wie steht es um Social Media?  

Thomas Knüwer:
Social Media hat in Deutschland einen neuen Status erreicht. Vor einem Jahr war da noch großes Staunen und fast jede Veranstaltung trug einen Untertitel wie "Chancen und Risiken". In diesem Jahr ist den meisten Unternehmen, die bisher selbst noch nicht Social Media betreiben, klar: Das Social Web geht nicht mehr weg, unsere Kunden sind drin - also müssen wir uns überlegen, wie wir weitermachen. Deshalb steigt die Nachfrage nach Hilfe bei der strategischen Herangehensweise und die nach Workshops.  

Welche aktuellen Trends zeichnen sich momentan ab?  

Thomas Knüwer:
Was deutsche Unternehmen betrifft, so sind viele weiterhin am Beginn des digitalen Marketing. Aber: Die Phase des Nachdenkens endet - die des Machens und Versuchens ist angebrochen. Derzeit steht Facebook sehr im Fokus. Ich glaube, dass in den kommenden 12 Monaten Corporate Blogs und Twitter ein Thema werden. Finanzkräftigere Unternehmen werden sich außerdem stärker in den Bereich Mobile Apps wagen.  

Wenn man die Massenmedien und die Pressemeldungen zum Bereich Social Media verfolgt, muss man zu dem Schluss kommen, dass Facebook und Co. aktuelle Hype-Themen sind? Warum?  

Thomas Knüwer:
Der Hype ist eigentlich vorbei. Denn Hype bedeutet ja Medienrummel und ich habe eher das Gefühl, die Berichterstattung über Unternehmen im Social Web geht zurück. Das bedeutet ja nicht, dass sie ganz stirbt - aber ich persönlich mache eine deutliche Beruhigung aus.  

Trotzdem: Jeder Hype birgt auch die Gefahr eines "Crashs" - sehen Sie keine Anzeichen einer solchen Überhitzung im Social Media Bereich?  

Thomas Knüwer:
Crash ist nicht das richtige Wort, finde ich. Wenn wir den berühmten Hype Cycle nehmen, dann gibt es eben eine Phase der Ernüchterung. In der sehe ich uns gerade. Aber das heißt ja nicht, dass niemand mehr in irgendeiner Form Social Media betreibt - sondern dass ein gewisser Realitätssinn einkehrt. Das kann nur gut sein.  

DAX-Unternehmen und Multinationale Konzerne investieren aktuell intensiv in Social Media Kampagnen, der deutsche Mittelstand wartet eher ab - würden Sie dieser These zustimmen?  

Thomas Knüwer:
Ganz im Gegenteil. Wobei der Maßstab natürlich das Problem ist. Der DAX zählt 100 Unternehmen. Der Mittelstand tausende. Verglichen mit der Größe ist der Mittelstand in Sachen Social Media aber häufig viel weiter vorne. Viele mittelgroße Unternehmen kommunizieren viel selbstverständlicher und eleganter mit ihren Kunden als dies die Großkonzerne tun. Und: Nur weil die Großen ein Facebook-Logo in einen TV-Spot einbinden, betreiben sie ja noch lang keine Social-Media-Kampagne.  

Werden wir in einem Jahr noch den Facebook "Gefällt mir"-Button auf deutschen Websites von Unternehmensehen? Wie sehen Sie das Themenfeld Social Media/Datenschutz allgemein?  

Thomas Knüwer:
Das Thema Datenschutz ist weiterhin aktuell. Die Debatte in Schleswig-Holstein aber ist von tiefer Lächerlichkeit geprägt und geht an dem, was in Unternehmen los ist, vorbei. Unternehmen sind sehr auf Datenschutz bedacht. Aber sie sehen auch, dass Facebook nicht weggehen wird. Sie wünschen sich deshalb Datenschützer, die konstruktiv den digitalen Wandel begleiten und sich an dem orientieren, was die Menschen sich wünschen. Leider haben wir in Deutschland Datenschützer, die vor allem an Schlagzeilen und der eigenen Eitelkeit orientiert sind.

Früher war Online-PR der "kostengünstige" Part im Online-Marketing, heute scheint das Social Media zu sein. Unterschätzen viele Unternehmen die laufenden Social Media Kosten bzw. die Qualität in diesem Bereich, die ihren Preis hat?  

Thomas Knüwer:
Das glaube ich nicht. Viele schätzen aber die Kostenstruktur falsch ein. Viele sind überrascht, dass eine Facebook-Fanpage gratis ist, dass Twitter nichts für einen Unternehmensaccount verlangt. Aber sie unterschätzen die Personalkosten die mit dem Social Web verbunden sind. Der Haken im Rahmen eines Unternehmens ist: Einen Online-Auftritt lasse ich durch einen Dienstleister erstellen - dessen Rechnung fällt einfach ins Budget. Eigene Stellen aber muss ich beantragen. Und in Zeiten einer Wirtschaftskrise bekomme ich die nicht so einfach.    

Stichwort Social Media Strategien. Welche Rolle spielen diese heute und in Zukunft für den Erfolg?  

Thomas Knüwer:
Auf Dauer - und damit meine ich einen Zeitrahmen von 10 Jahren - wird sich die Kommunikation mit dem Kunden vollkommen verändern. Klassische Werbung wird es weiter geben. Doch sie wird vor allem darauf zielen, den Kunden auf digitale Plattformen zu bringen, auf denen das Unternehmen mit ihm kommunizieren kann. Dieser langfristige Wandel bedeutet: Ich brauche ein strategisches Herangehen.  

Welche aktuellen Social Media Kampagnen finden Sie persönlich herausragend und warum?  

Thomas Knüwer:
Zunächst einmal: Social Media ist keine Kampagne - kann aber für Kampagnen genutzt werden. Deshalb finde ich die Basisarbeit viel spannender. Und wie die Telekom und die Bahn auf Twitter mit Kunden kommunizieren - das ist schon ziemlich gut.  

Die Fragen an Thomas Knüwer stellte Oliver Hein-Behrens.