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Interview: "Wir frönen nicht irgendeiner Nostalgie"

Ein politisches Musikmagazin mit DDR-Wurzeln erfindet sich neu: Melodie & Rhythmus (M&R) hat seinen Look und seine Inhalte überarbeitet. medienmilch.de sprach mit der Chefredakteurin Susann Witt-Stahl über die Details:

Susann Witt-Stahl

Susann Witt-Stahl

Melodie & Rhythmus wurde 1957 in der DDR gegründet. Erzählen Sie uns kurz etwas über diese Anfangszeit?

Das kann ich leider nicht - da war ich noch nicht geboren.

M&R - das einzige politische Musikmagazin in Deutschland. Stimmt diese Aussage? Wie würden Sie das heutige Profil von M&R in Kürze beschreiben?

Nein, das "einzige politische Musikmagazin" hierzulande ist M&R bestimmt nicht. Es ist aber meines Wissens das einzige professionell produzierte und distribuierte Popmagazin, das marxistisch ausgerichtet ist. M&R berichtet ebenso über zeitgenössische wie über historische Popmusik im Kontext politischer Ereignisse, des Zeitgeschehens, gesellschafts- und kulturkritischer Debatten - und zwar nicht nur mit Blick auf Deutschland und Europa, sondern auf die ganze Welt. Gleichzeitig verlagert M&R den Fokus etwas weg vom Markt und den Stars hin zu Musik als ästhetisches und sinnliches Ereignis. Wir wollen uns intensiver mit den Inhalten, Formen und Stilen, Entwicklungen und dem verarbeiteten Material der Popmusik beschäftigen und auch mehr neue künstlerische Terrains erschließen.

Was sind die Besonderheiten beim aktuellen Relaunch von M&R?

Mit dem Titelthema "Class War" haben wir revolutionäre und konterrevolutionäre Impulse der Popkultur aufgespürt. Musiktheoretiker und -journalisten - darunter Simon Reynolds, Dietmar Dath, Joe Carducci und Dirk Scheuring - haben sich kritische Gedanken über Klassenkämpfe von oben und unten in Pop und Musikgeschäft gemacht. Im großen M&R-Feature macht die von Wirtschaftskrise und Troika-Spardiktaten drangsalierte Musikszene Griechenlands ihrer Wut Luft, lehrt uns aber auch so einiges über die Ästhetik des Widerstands. M&R-Kolumnist Ben Watson von Association of Musical Marxists aus London stellt seine Entdeckung vor: Den Gebrauchswert der Musik von Prince. Der israelische Ideologiekritiker Moshe Zuckermann hat mit "Wrecking Ball" ein profitables Produkt der Kulturindustrie aufs Korn genommen und eine (freudo-)marxische Analyse von Miley Cyrus "Abrissbirnen-Koitus" angestellt. Das ist wirklich sehr amüsant.

Der Relaunch des Heftes wird durch eine umfangreiche Marketingkampagne begleitet. Welche Maßnahmen realisieren Sie konkret?

Neben visuell wahrnehmbarer Präsenz im öffentlichen Raum gibt es, wie ich meine, originelle Radiospots, günstige Probeabos etc. Das Wichtigste sind aber die Musik- und Diskussionsveranstaltungen, die wir organisieren. Beispielsweise präsentieren wir auf dem diesjährigen UZ-Pressefest live die Top Ten der M&R-Revolutionslieder, die unsere Leser gewählt haben. Außerdem gibt es dort ein sehr prominent besetztes M&R-Podiumsgespräch über die Möglichkeiten und Grenzen von politisch engagierter Musik. Für den Herbst planen wir weitere Kulturveranstaltungen, u.a. über das komplexe und zuweilen widersprüchliche Verhältnis zwischen Musik und Krieg und Kriegspropaganda.

Welche Ziele wollen Sie mit dem Relaunch bis wann erreichen?

Wir wollen politische und kulturelle Veränderungsprozesse fördern und anstoßen, die allerdings nur mittel- und langfristig erfolgreich sein können. Sich dafür unter Termindruck zu setzen, hätte keinen Sinn. Wir wollen kritische linke Gegenkultur unterstützen. Das braucht seine Zeit, bis es spürbare Fortschritte gibt. Wir wollen all denjenigen zur Seite stehen, die auf die Ästhetisierung der Politik - der Verbreitung des verlogenen schönen Scheins, der den Menschen den Blick auf die zuweilen sehr hässliche Realität vernebelt und sie wehrlos macht (ein Zeichen antidemokratischer Entwicklungen in der Gesellschaft) -, mit der Politisierung der Kunst antworten wollen. Wir wollen der sich sukzessive vollziehenden Neoliberalisierung, Militarisierung und den Rechtsruck - bis hin zur Faschisierung - der Kultur entgegenwirken und solidarisch mit Musikern und Künstlern zusammenarbeiten, die nicht hinnehmen wollen, dass die Welt so ungerecht, brutal und rücksichtslos bleibt wie sie ist

Nun sind die Begriffe Popmusik und Politik nicht gerade natürliche Partner. Was unterscheidet Ihre Leser denn nun von denen anderer Musikmagazine? Sind sie älter? Klüger? Linker?

Ob sie "klüger" und "linker" sind als andere Leser - das vermag ich nicht zu sagen. Aber ich weiß aus vielen Gesprächen, Briefen und anderen Feedbacks, dass die Mehrheit unserer Leser sehr klug, sehr kritisch und links ist - von linksliberal bis hardcore kommunistisch. Was mich besonders freut, ist, dass wir eben nicht nur vorwiegend junge oder alte Leser haben. Abgesehen davon, dass es ohnehin dumm wäre, jungen Lesern derartige Bedürfnisse zu unterstellen: Wir hecheln eben nicht den kurzlebigen Trends auf dem Markt und irrationalen Jugendkults hinterher. Und abgesehen davon, dass es auch dumm wäre, den älteren Lesern derartige Bedürfnisse zu unterstellen: Wir frönen nicht irgendeiner Nostalgie und meinen nicht, "damals" sei "alles besser" gewesen. Wir finden weder, dass alt sein unsexy ist, noch mögen wir Youngster-Bashing. M&R ist ein modernes marxistisches Musikmagazin für alle Generationen.

Welches sind die aktuellen Top 3 Songs in der M&R-Redaktion?

Die ist sehr heterogen. Die Redakteure haben sehr unterschiedliche musikalische Vorlieben, Vorbildung und Zugänge zu Kunst und Kultur - und sie gehören verschiedenen Generationen an. Auf "aktuelle Top 3" könnten wir uns nie und nimmer einigen, daher versuchen wir es gar nicht erst.

Worauf darf man sich 2014 Ihrer Meinung nach musikalisch besonders freuen?

Ach, wo soll ich da bloß anfangen - also höre ich mit einem Beispiel, einer meiner persönlichen Favoriten, gleich wieder auf: Ein Highlight ist sicher die Tournee von Anne Clark, die M&R im November in 13 Städten mehr als nur "proudly" präsentieren wird.