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"Journalismus wandelt sich ununterbrochen"

Befinden wir uns mitten in einer Vertrauenskrise der Medien, die das Berufsbild des Journalismus verändern wird? medienmilch.de sprach darüber mit dem Medienfachmann Prof. Dr. Uwe Hasebrink vom Hans-Bredow-Institut:

Uwe Hasebrink, Copyright: Hans-Bredow-Institut / David Ausserhofer

Uwe Hasebrink, Copyright: Hans-Bredow-Institut / David Ausserhofer

Befinden sich die Mainstream-Medien aktuell in einer Vertrauenskrise?  

Hasebrink: Ja. Diese Vertrauenskrise betrifft aber nicht nur die etablierten Medien: Auch die Politik und andere gesellschaftliche Institutionen haben sich mit schwindenden Vertrauenswerten auseinanderzusetzen. Und die sozialen Medien, einer der wichtigen Schauplätze der Kritik an den etablierten Medien, haben sich im Zusammenhang mit der Flüchtlingsthematik ebenfalls einen zweifelhaften Ruf erworben. Wir haben es also mit einer tiefgreifenderen Krise zu tun, in der sich alle gesellschaftlichen Institutionen auf neue Herausforderungen einzustellen haben.  

Immer weniger Zeit für Recherche und immer höhere Anforderungen bei steigenden Existenzängsten – der Beruf des Journalisten ist zweifelsohne in den letzten Jahren nicht einfacher geworden. Das kann nicht spurlos an der Qualität vorübergehen. Ist das eventuell implizit auch einer der Gründe dafür, dass viele Menschen denken, die Medien würden ihrer Rolle nicht mehr gerecht?

Hasebrink: Ich denke nicht, dass sich derzeit viele Menschen in die Existenzängste von Medienunternehmen und Journalistinnen und Journalisten hineinversetzen. Die Kritik richtet sich aus meiner Sicht weniger gegen solche strukturellen Bedingungen für den Journalismus, sondern gegen bestimmte Muster der Berichterstattung, die aus der Perspektive relevanter Teile der Bevölkerung an der Wirklichkeit vorbeigehen.  

Ulrik Hagerupp, der Nachrichtenchef des dänischen Fernsehens kritisiert in einem Beitrag des NDR-Medienmagazins Zapp massiv die deutschen Medien in Bezug auf das Thema Flüchtlinge. Sein Vorwurf: Sie hätten den Menschen nicht die bestmögliche Version der Wahrheit präsentiert, so wie sie es tun sollten, sondern ein Bild gezeigt, wie sie es sich als Journalisten, als Elite für die Gesellschaft wünschen. Gibt es wirklich dieses Elitedenken? Muss hier ein Kulturwandel in den Medien stattfinden?  

Hasebrink: Hier muss ich weiter ausholen. Den Medien vorzuwerfen, sie würden nicht die „bestmögliche Version der Wahrheit“ präsentieren, führt nicht weiter: Wie, bitte, sollte die bestmögliche Wahrheit aussehen, und wer sollte darüber entscheiden? Dieser Einwand ändert nichts an dem ernstzunehmenden Vorwurf, die Berichterstattung spiegele eine Eliteperspektive des Journalismus wider – die Perspektive der Höhergebildeten und Wohlhabenden, nicht die der Niedrigergebildeten und Armutsgefährdeten; die Perspektive des Westens und nicht die des Ostens. Wie kommt es zu diesem Eindruck?

Die Medienberichterstattung der letzten Monate war das Ergebnis langjähriger Diskussionen, wie mit gesellschaftlicher und kultureller Vielfalt umzugehen sei. Ein Ergebnis war die Forderung, „Andere“ aller Art nicht nur als Mitglieder der jeweiligen Gruppe zu betrachten – mit all den mit dieser Gruppe verbundenen Stereotypen und Vorurteilen – sondern als Menschen mit ihren individuellen Schicksalen, Interessen und Bedürfnissen. Es ist ein wichtiger Fortschritt gewesen, dass Journalismus, Politik und Verwaltung, auch unter dem zunehmenden Druck der Zivilgesellschaft und der Wissenschaft, in den letzten Jahren sehr viel reflektierter mit der Darstellung von „Anderen“ umgegangen sind und sich bemüht haben, nicht den Fehler zu begehen, vorschnell von Gruppenstereotypen auf den Einzelfall zu verallgemeinern. Eine entsprechende Ausrichtung der Berichterstattung wurde in den letzten Jahren oft als „bestmögliche Version der Wahrheit“ propagiert. Heute werden wir allerdings damit konfrontiert, dass diese Devise auch übertrieben werden kann: Eine auf die Spitze getriebene „politische Korrektheit“, die der Benennung von Unterschieden generell argwöhnisch gegenübersteht, läuft Gefahr, sich von der Lebenswirklichkeit der Menschen, die sich im Alltag mit genau diesen Unterschieden auseinanderzusetzen haben, abzulösen.

Wie so oft, wenn es um schematische normative Anforderungen an den Journalismus geht, lässt sich auch feststellen: Ein Beobachtungsschema, auch wenn es gut gemeint ist, kann die Beobachtung selbst nicht ersetzen. Das haben viele Journalistinnen und Journalisten, aber auch viele andere Akteure aus Politik, Verwaltung und Zivilgesellschaft in den letzten Monaten lernen müssen: Es ist niemandem damit gedient, wenn aus Gründen der politischen Korrektheit relevante und kritischer Überprüfung standhaltende Tatsachen verschwiegen werden. Vielmehr bereitet es das Feld für diejenigen, die an Differenzierung wenig Interesse haben und nur zu gern dem professionellen Journalismus generell Verlogenheit unterstellen.  

Die ARD-Vorsitzende Karola Wille kritisiert ihre Mitarbeiter beim Thema Flüchtlingsberichterstattung  sogar direkt: "Da hätte man am Anfang schon bei diesen vielen Themen (...)  fragen können, welche Themen kommen jetzt alle auf uns zu?". Stellen Journalisten nicht mehr die richtigen Fragen?  

Hasebrink: Journalismus ist lernfähig. In den letzten Jahren haben wir immer wieder beobachten können, wie bei journalistischen Fehlleistungen rasch eine reflektierende Diskussion einsetzte. Das ist nach meiner Beobachtung auch bei der Flüchtlingsthematik geschehen: Einige Texte der letzten Wochen, in denen sich Journalistinnen und Journalisten direkt mit Personen auseinandergesetzt haben, die ihnen persönlich oder über soziale Medien Verlogenheit und bewusste Fälschung vorgeworfen haben, sind Musterbeispiele für den Willen, zu einer Verständigung zu kommen, die jeweils andere Position zu verstehen und so im guten Sinne Aufklärung zu betreiben. Das zeigt auch, dass wir uns nicht auf Journalismus allein verlassen dürfen: Guter Journalismus bedarf auch guter Publika, die sich stets fragen, ob die in den Medien dargestellte Wirklichkeit mit der alltäglich erlebten Wirklichkeit in Einklang zu bringen ist oder ob sich gravierende Abweichungen ergeben, und die sich dann gegebenenfalls zu Wort melden und auf diese Abweichung hinweisen.  

Welche Rolle spielen Neutralität und Objektivität für die Glaubwürdigkeit des Journalismus?  

Hasebrink: Die wissenschaftliche Auseinandersetzung mit den Qualitätskriterien für Journalismus lehrt vor allem, dass die Überhöhung eines einzelnen Kriteriums auf Kosten der anderen der Qualität und damit letztlich auch der Glaubwürdigkeit des Journalismus nicht dient. Neutralität und Objektivität der Berichterstattung sind wichtige Kriterien für journalistische Glaubwürdigkeit; sie verkehren sich allerdings in das genaue Gegenteil, wenn sie nicht ergänzt werden durch die explizite Einordnung des Geschehens in einen Gesamtzusammenhang und durch eine kritische, widerstreitende Argumente abwägende Bewertung.  

Sollten sich Journalisten zukünftig wieder stärker die unterschiedlichen meinungsbezogenen Grundformen ihres Handwerks kennzeichnen und Nachricht und Meinung stärker trennen?  

Hasebrink: Ich habe in den letzten Jahren keinen systematischen Trend dahingehend beobachten können, dass die gebotene Trennung von Nachricht und Meinung ausgehöhlt wird. Die derzeitige Situation scheint mir eher mit dem „Hostile Media“-Effekt erklärbar zu sein, der besagt, dass wir dazu tendieren, die Medienberichterstattung generell als unseren eigenen Einstellungen widersprechend wahrzunehmen. So können wir etwa immer wieder beobachten, dass ein bestimmter Beitrag von der einen Seite als die Flüchtlingsproblematik beschönigend, von der anderen Seite aber als flüchtlingsfeindlich kritisiert wird. Solche Phänomene treten immer dann verstärkt auf, wenn sich wie in den letzten Monaten die Einstellungen in der Gesellschaft polarisieren. Die verschiedenen Seiten beobachten dann besonders argwöhnisch, ob die Medien ihre eigene oder aber die gegnerische Position vertreten, und kommen meist zu dem Ergebnis, dass die Medien parteiisch um Sinne der Gegenseite seien. Diese Argumenation kann und soll die Verantwortung der Medien nicht mindern – gerade in Zeiten gesellschaftlicher Konflikte bedürfen wir der sorgfältigen Recherche, Vermittlung und Einordnung, die zugleich Transparenz über den Status der berichteten Nachrichten herstellt. Der Verweis auf den „Hostile Media“-Effekt soll aber dafür sensibilisieren, dass derzeit auch die anderen gesellschaftlichen Akteure, die Politik, die Verwaltungen, die zivilgesellschaftlichen Akteure und die verschiedenen Bevölkerungsgruppen keine Patentlösungen für die gegenwärtigen Herausforderungen und erst recht keine „bestmögliche Version der Wahrheit“ parat haben.  

Sind eventuell der stärkere Einsatz von Interviews, Reportagen und Vox-Pops ein Mittel, um wieder Vertrauen in die Medien aufzubauen?  

Hasebrink: Es gibt gute Gründe dafür, dass sich im Journalismus verschiedene Darstellungsformen herausgebildet haben, die im Zusammenspiel die verschiedenen Funktionen erfüllen, die wir vom Journalismus erwarten. Es ist gut und wichtig, neben Meldungen, Berichten und Kommentaren auch solche Formen zu wählen, die alltagsnäher sind und in denen Vertreterinnen und Vertreter verschiedener Bevölkerungsgruppen zu Wort kommen. Ich glaube jedoch nicht, dass der gezielte Einsatz solcher Darstellungsformen, die eine größere Bürgernähe suggerieren, ein wirksames Mittel sein kann, die derzeitige Vertrauenskrise zu überwinden. Gerade Straßenbefragungen sind sehr anfällig für extreme Einzelmeinungen oder aber dafür, dass die eingesammelten Stimmen gezielt so ausgewählt und zusammengeschnitten werden, dass sie eine bestimmte Meinung als „Mehrheitsmeinung“ nahelegen.  

Internet und Social Media zwingen klassische Journalisten – wie seit dem Ukraine-Konflikt erkennbar - immer stärker zum Mut der Korrektur bei Fehlern. Sie finden aber für diese neuen Formen keinerlei Fachbücher oder Manifeste. Ist hier die Medienwissenschaft nicht stärker aufgefordert, sich Gedanken zu machen und zu kommunizieren? Oder übersehe ich hier etwas?

Hasebrink: Soziale Medien und die Fülle der Informationsoptionen, die das Internet bietet, erhöhen in der Tat die Wahrscheinlichkeit, dass es zu journalistischen Beiträgen Widerspruch gibt oder sich Meldungen als falsch herausstellen. Ich sehe da jedoch keinen strukturellen Unterschied zu früheren Phasen des Journalismus und zu dem, was in normativen oder beschreibenden Fachpublikationen vorzufinden ist. Damals wie heute gehörte es zu den Grundanforderungen an Journalismus, dass Nachrichten so sorgfältig wie möglich recherchiert und gegengeprüft werden und dass, wenn sich dennoch eine Nachricht im Nachhinein als falsch herausstellen sollte, eine entsprechende Korrektur veröffentlicht wird. Damals wie heute gehörte Mut dazu, solche Fehler zuzugestehen und zu korrigieren.

Was sich durch Social Media gravierend geändert hat, ist die Beziehung zwischen Journalismus und Publikum, die Art und Weise, wie sich beide Seiten miteinander verständigen und aufeinander einstellen. Im Hinblick auf dieses Thema ist die Forschung aus meiner Sicht seit einiger Zeit gut unterwegs; so haben meine Kolleginnen und Kollegen vom Hans-Bredow-Institut, Wiebke Loosen und Jan-Hinrik Schmidt, in den letzten Jahren intensiv untersucht, wie der Journalismus das Publikum wiederentdeckt.

Werden sich Anforderungsprofil und Berufsbild des Journalismus durch die aktuelle Diskussion wandeln? Welche Chancen und Risiken sehen Sie?

Hasebrink: Journalismus wandelt sich ununterbrochen, er muss sich ununterbrochen wandeln. Er ist eingebunden in gesellschaftlichen und medialen Wandel, entsprechend ändern sich sowohl die Voraussetzungen als auch die Aufgaben des Journalismus. Der derzeitige gesellschaftliche Wandel und die mit ihm verbundenen gravierenden Ungleichheiten und Klüfte zwischen verschiedenen Lebenswirklichkeiten stellen ihn vor allem vor die Herausforderung, diese unterschiedlichen Wirklichkeiten abzubilden, zum gegenseitigen Verständnis der verschiedenen Bevölkerungsgruppen beizutragen und dabei auch die sich dabei ergebenden Konflikte nicht zu verschweigen.

Die Risiken für den Journalismus sind groß: Er kann relevante Wirklichkeiten gar nicht erst wahrnehmen oder verschweigen oder verkennen – alles wäre seiner Glaubwürdigkeit abträglich. Umgekehrt kann er aber auch angesichts der unübersichtlichen und vielstimmigen Meinungslandschaft die Kraft verlieren, Überblick und Orientierung zu bieten – auch das wäre seiner Glaubwürdigkeit abträglich. Dennoch sehe ich große Chancen für den Journalismus: Die sozialen Medien bereichern zwar die Kommunikationslandschaft erheblich, es ist leichter denn je, Meinungen und Positionen aller Art zu publizieren und damit zumindest ein wenig Aufmerksamkeit zu erzielen. Dies macht aber den Journalismus nicht überflüssig, im Gegenteil: Angesichts der Unübersichtlichkeit sowie der zum Teil extremen Ausformungen der Kommunikation in den sozialen Medien wäre über einen Journalismus, der das Geschehen sorgfältig beobachtet und nicht gleich bei jeder schockierenden Stammtischparole ein abschließendes abqualifizierendes Urteil fällt, sondern neugierig fragt, was dieser Wut oder diesem Hass zugrunde liegt, zu sagen: Nie war er so wertvoll wie heute.

Online-Profil von Prof. Dr. Uwe Hasebrink.

Die Fragen stellte Oliver Hein-Behrens.