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Internet kills the Mittelschicht? - "Der stille Raub"

Nicht nur der Ersatz von Menschen durch künstliche Intelligenz, sondern auch die Bildung von Monopolen und Oligopolen, die Abwanderung von digitalen Unternehmen, der damit verbundene Ausfall staatlicher Steuereinnahmen und Sozialleistungen sowie die Verblödung breiter Gruppen durch das Internet werden die Mittelschicht in den kommenden Jahren vollständig auslöschen. Das zumindest meint Investmentbanker und Internet-Unternehmer Gerald Hörhan in seinem neuen Buch „Der stille Raub“.

Also ein eigentlich sehr spannendes Thema, das Hörhan in seinem Buch in Bezug auf die Status quo Analyse gut, aber in Bezug auf die Perspektiven und Lösungen aber leider nur suboptimal umsetzt. Hörhan hat vollkommen recht, wenn er feststellt: „Das kollektive Verdrängen der digitalen Revolution ist umso erstaunlicher, als das Phänomen wegbrechender Berufsfelder eigentlich spätestens seit der Automatisierung der Arbeitsabläufe in Fabriken hinlänglich bekannt sein müsste.“ Und erschreckt, wenn er nur eine Seite später feststellt: „Ich freue mich jedenfalls jeden Tag darüber, dass ich vor ein paar Jahren mit dem Verdrängen aufgehört habe und jetzt zu den Entspannten gehören kann. Ich trage selbst dazu bei, dass die Mittelschicht ihre Jobs verliert, aber ich habe deshalb kein schlechtes Gewissen.“ Sollten Sie aber, Herr Hörhan, denn laut Focus Finanzen gehören rund 61,5 Prozent der Erwerbstätigen zur Mittelschicht – Tendenz fallend. Vor 15 Jahren zählten noch gut 65 Prozent dazu. Um mehr als fünf Prozentpunkte sank zwischen 1991 und 2013 in Deutschland der Anteil der Mittelschicht laut dem Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung an der Gesamtbevölkerung. It´s the Mittelschicht, die die Gesellschaft formt, Herr Hörhan.

Für Hörhan gibt es drei Winner-Faktoren im digitalen Umfeld: Erstens die Schnelligkeit, First Mover haben es immer leichter. Zweitens die Technologie. Auch hier gilt: Wer sie als erste anbietet, profitiert. Und drittens die Marke: Alle Monopolisten und Oligopolisten waren – wie Google und Amazon – von Anfang an auf Markenbildung bedacht. Auch mit der Erkenntnis, dass sich Staaten schwer mit der Besteuerungslage tun, wenn Unternehmen Gewinne mit digitalen Daten machen und nicht mehr mit physischen Objekten oder Personen, hat Hörhan einen interessanten Ansatz gefunden, den er leider – wie so viele andere in seinem Buch – nicht konstruktiv weiterdenkt oder gar szenarisch auflöst.

Sein Credo: Schnell digital umdenken (soweit noch nicht geschehen) und mit den Fischen schwimmen, sonst Atemnot und Tod. Diese egozentrische Konzentration auf die Nachahmung der globalen Gewinner der digitalen Revolution macht sein Buch leider nur zu einer bedingten Leseempfehlung. Besser aufgehoben sind Interessierte da schon eher bei Werken wie „Abgehängt – Wo bleibt der Mensch, wenn Computer entscheiden?“ von Nicholas Carr. Aber das ist sicherlich Ansichts- und Absichtssache.

Oliver Hein-Behrens